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Ein bescheidener Beitrag zur Deeskalation

Wenn ein Land existiert, dessen Bürger die Pflicht haben, sich nicht von gerechtem Zorn, eindrucksvollen Bildern, sentimentalen Geschichten und der Dämonisierung des Anderen mitreißen zu lassen, dann ist es wohl Deutschland. Zumindest beschwören unsere Politiker diese Pflicht gern bei Staatsbesuchen und Kranzniederlegungen.

Denn wenn ich mir die deutschen Medien anschaue, sehe ich wenig davon. Putin ist ein „Monster“ (FAZ), ein „Soziopath“ (Spiegel), Volodimir Selenskyj ist der „Verteidiger der freien Welt.“ (Spiegel) Das Gefühl, das aus diesen Formulierungen spricht, ist gut nachvollziehbar. Was in der Ukraine geschieht ist entsetzlich und die Invasion ist unentschuldbar.

Trotz dieser sehr verständlichen Empörung sollten wir aber zumindest den Versuch machen mit dem Kopf statt mit dem Bauch zu denken.

Wer in Deutschland kann sagen,  sich vor dem Einmarsch der russischen Armee intensiv mit der komplizierten politischen Situation in der Ukraine und dem schon seit vielen Jahren schwelenden Konflikt befasst zu haben? Wer weiß noch, wie Obama zur Aufrüstung der Ukraine stand?

Wie war das mit dem Telefonat, in dem der Satz „Fuck the EU“ gefallen ist? Wer hat den wann warum zu wem gesagt? Wer erinnert sich noch an Putins Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007?  Wer ist mit dem „Azov Battalion“ vertraut?  Wem sagt der Begriff  „Russiagate“ etwas?

Vielleicht ist Putin ein Monster und will die Welt beherrschen oder zumindest die Sowjetunion wiedererrichten.

Vielleicht haben viele von uns sich aber auch nur oberflächlich informiert und dem Kräftemessen der Großmächte wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Weil es uns nur indirekt betroffen hat, auch wenn beispielsweise die Flüchtlingskrise unter Merkel im direkten Zusammenhang damit stand. Trotzdem schien das immer alles weit weg zu sein.

Wir haben uns in Deutschland sicher gefühlt, auch wenn die Welt für viele andere Menschen, für Syrer, Iraker, Afghanen schon lange nicht mehr sicher war. Wir haben uns lange den Luxus geleistet, Politik als eine Frage des Managements zu sehen.  Es ist anstrengend und kostet Zeit, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Wir sind lieber in den Urlaub gefahren.

Jetzt müssen wir schmerzhaft neu lernen, dass Politik keine Frage des Managements, sondern eine Frage der Macht ist. Und dass die Auseinandersetzungen der Großmächte sich in einer anarchischen Welt abspielen, in der Gewalt kein Tabu, sondern häufig das Mittel der Wahl ist. Die Menschen im Irak und Syrien wussten das schon lange. Jetzt sind die auch Ukrainer Opfer dieser Auseinandersetzung geworden.

Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung und die ist die falsche hat Umberto Eco gesagt. Putin ist ein Monster und will die Welt regieren klingt nach so einer einfachen Lösung. Getrieben von hetzerischer Berichterstattung  entsteht in Deutschland gerade ein Klima, in dem die Kinder russischer Immigranten in der Schule gemobbt werden und sich von Putin lossagen müssen. Wenn es so weitergeht, fliegen bald Tolstoi und Dostojewski aus den Bücherregalen.

Die Vorstellung, die russische Bevölkerung mit Sanktionen zwingen zu können Putin abzusetzen, ist so eine einfache Lösung. Denn tatsächlich ist dieses Vorgehen nicht nur unmoralisch, es ist auch unlogisch und nicht erfolgsversprechend.Wenn der Tyrann mit eiserner Faust regiert und mit Propaganda manipuliert,  welche Verantwortung trägt dann die Bevölkerung?

Gilt „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ nur für Helden, nicht für normale Bürger, die vor allem ihr Leben leben wollen und kein Interesse an Politik haben? Gerade wir Deutsche sollten an dieser Stelle sehr vorsichtig sein.

Abgesehen davon fahren die USA, die Anführer der freien Welt,  diesen Ansatz schon seit vielen Jahren erfolglos gegen Kuba, Venezuela und Nordkorea. Auch Afghanistan bleibt unter Sanktionen. Das Resultat: Millionen von Menschen dort drohen zu verhungern.

Wenn eine Nation sich auf die Fahne geschrieben hat, für die Würde jedes Menschens einzutreten, dann ist es die deutsche. Unsere Großeltern und Eltern haben vorgemacht, was es zu vermeiden gilt. Wenn wir eine also Pflicht haben, die sich aus uns unserer Geschichte ableitet, scheint es mir diese zu sein: Jeder Dehumanisierung entgegenzutreten und keine Kollektivurteile zu fällen.

Es ist beklemmend,  welche Einhelligkeit plötzlich über das Liefern deutscher Panzerfäuste in die Ukraine besteht. Wenn man den Experten glauben darf, ist es nur eine Frage der Zeit bis zum Sieg der Russen.  Wenn das wahr ist, ist es ekelerregend unethisch Waffen zu liefern und ukrainische Verkäuferinnen mit AK47s auf den Straßen Kiews zu verherrlichen.

Wir bejubeln Selenskyj, als wäre er Churchill. Selenskyj fordert eine Flugverbotszone über der Ukraine. Ist allen klar, was das bedeuten würde? Das wäre der Beginn des 3. Weltkriegs. Die erste abgeschossene Mig über der Ukraine wäre unser Sarajevo-Moment.

Wir riskieren damit das Ende der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen. Ist jemand, der so etwas fordert, der seine Leute in sinnlosen Straßenkämpfen verheizen will, wirklich ein Held? Ein Leader?

Wir haben nicht alle Informationen, aber wir können sicher sein, dass wir als Verbündete der USA nicht auf der Seite der Engel stehen. Im Gegensatz zu den Russen sind wir Bürger einer freiheitlichen Demokratie und können uns umfassend informieren.

Wir sollten diese Chance nutzen und versuchen mit dem Kopf zu denken. Wir sollten unsere Gewissheiten zu hinterfragen, damit diese extrem gefährliche Situation nicht weiter eskaliert. Sehen sich die Situation aus der Perspektive von Glenn Greenwald an. Greenwald ist Jurist und der vielleicht wichtigste amerikanische Journalist.

Geopolitik ist ambivalent, komplex und schmutzig. Die Auseindersetzung damit kostet Mühe und ist desillusionierend. Und das Video ist auch noch auf Englisch. Aber ich verspreche Ihnen, die Mühe lohnt sich.

Ich beobachte die amerikanischen Medien aus beruflichen Gründen schon seit vielen Jahren und hoffe mit der Empfehlung von  Greenwalds Video am Ende dieses Artikels einen winzigen Beitrag zur Deeskalation des Diskurses in Deutschland leisten zu können.

Glenn Greenwalds Perspektive entzieht sich deutschen Rastern. Gerade deswegen ist sie so erhellend. Der Krieg in der Ukraine ist Teil einer Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA. Die Ukrainer spielen dabei tragischerweise nur eine untergeordnete Rolle.

Glenn Greenwald hat immer wieder bewiesen, dass er ein Autor und Denker ist, dem wir vertrauen können. Er hat den Mut, den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen,  das Markenzeichen eines echten Journalisten.

Er hat die Snowden-Leaks veröffentlicht und sich gegen Bolsonaro gestellt. Für seinen Mut wurde er fast ermodet. Er ist ein schwuler Mann aus den USA der in Brasilien lebt. Er ist keine Putin Propaganda Puppe.

Vielleicht sind Sie mit dem, was Glenn zu sagen hat, nicht einverstanden. Gut. Dann argumentieren Sie, diskutieren Sie, denken Sie nach. Bitte lassen Sie sich nicht ausschließlich von Ihren Emotionen mitreißen, ganz gleich, wie berechtigt sie sind. Es steht zu viel auf dem Spiel.

 

Von Rene Lindner

Ich habe Freude an Ideen, am Lernen und am Vermitteln von Wissen. Die Arbeit in einem Feld, das mir die Chance gibt, zu tun was mir Freude bereitet und dabei anderen zu helfen zu wachsen und sich zu entwickeln, ist ein Privileg, das ich schätze. Die größte Freude für einen Lehrer ist zu erleben, wenn der Schüler ihn übertrifft, also jemand anderen zu helfen, intellektuell autonom und frei zu werden. Dies ist das Ziel, dem wir uns bei Language & Skills widmen.

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